| Die Vision des Christlichen
bei Friedrich Heer
Die vorgelegte Dissertation stellt die erste systematische Aufarbeitung
der Gedankenwelt von Friedrich Heer unter dem Aspekt seiner Vision
des Christlichen dar. Als Textbasis dienten die von Adolf Gaisbauer
in seiner Bibliografie als „Selbständige Literatur“
ausgewiesenen Werke, also im wesentlichen alle Bücher und Aufsatzsammlungen
– insgesamt eine Primärliteratur von ca. 15.000 Druckseiten.
Kapitel 1
sucht die durchgängigen Prinzipien des Wirklichkeitsverständnisses
bei Heer zu erheben und – entsprechend dem praxisleitenden
Anliegen Heers – diesen Denkprinzipien entsprechende Grundhaltungen
zuzuordnen.
Dabei wird die These „Die Eine Wirklichkeit ist der Prozess
der Kommunikation der Gegensätze“ in ihren einzelnen
Elementen Schritt für Schritt dargelegt und als implizite Voraussetzung
und Grundlage der mannigfaltigen assoziativen Gedankengänge
Heers belegt.
Dem Prinzip der Einen Wirklichkeit entspricht die Haltung des archaischen
Urvertrauens. Dem Prinzip der Kommunikation als dem Allzusammenhang
des Wirklichen entspricht eine offen-kommunikative Haltung des Menschen.
Dem Prinzip der Gegensätzlichkeit entspricht die Grundhaltung
des inneren und äußeren Gespräches der Feinde. Dem
Prinzip der Prozesshaftigkeit des Wirklichen entspricht die Grundhaltung
der Hingabe in den Wandel.
Die Denk- und Handlungsprinzipien Heers sind von seiner Positionierung
an der „Front des Menschlichen“ bestimmt.
Kapitel 2
ist dem Gottes- und Menschenbild gewidmet. Die Verankerung des Wirklichkeitsverständnisses
in einem trinitarischen Gottesbild wird aufgezeigt. Die Eine Wirklichkeit
als Prozess der Kommunikation der Gegensätze ist Abbild des
dreifaltigen Gottes. Die Schöpferkraft Gottes zielt auf die
Menschwerdung des Menschen. So ist auch in den Aussagen zu Jesus
Christus und zum Geist die Tendenz der „Vermenschlichung“
aufzuweisen. Im Rahmen der Theodizeefrage kritisiert Heer eine Tragödievergessenheit
des Christentums. Die Gottheit ist letztlich ein unsagbarer Feuerofen,
vor dem die menschlichen Aussagemöglichkeiten verstummen. Anhand
der Rede von der Transzendenz wird abschließend deutlich,
dass Heers Denken selbst eine inkarnatorische Bewegung und das Verstummen
vor der Gottheit vollzieht, um sich ganz auf die dringliche Humanisierung
der Verhältnisse des Menschen zu konzentrieren.
Kapitel 3
widmet sich unter dem Titel „Die Kritik der historischen Christentümer“
der Geschichtsschreibung Friedrich Heers und deren Konstruktionsprinzipien.
Dabei wird versucht, wesentliche Erzählstränge der historiografischen
Texte zusammenzufassen und unter vier Interpretationsansätzen
zu verstehen.
Wesentliche Themen sind dabei das Verständnis des „Heiligen
Reiches“, der „Häresien“ und der „Säkularisierung“.
Die Darstellung der „Logik der Unmenschlichkeit“, welche
der Wirklichkeitsspaltung entspringt und in der Produktion eschatologischer
„Endlösungen“ gipfelt, endet schließlich
mit Heers denkerischer Auseinandersetzung mit Hitler.
Folgende Interpretationsansätze werden dargelegt: Geschichtsschreibung
bei Heer 1. als Bilanzierung historischer Inkarnationsentwürfe
des Christlichen; 2. als schöpferisch-dichterische Re-konstruktion;
3. als Psychoanalyse der historischen Christentümer; 4. als
prophetische Geschichtsdeutung.
Kapitel 4
skizziert die Elemente der Vision des Christlichen bei Heer. Zielpunkt
ist dabei eine offene Katholizität im Horizont der Einen pluralistischen
Menschheitsfamilie. Christliches soll gesellschaftlich umgestaltend
wirksam sein als die dreifache Kunst des Lebens, Liebens und Sterbens.
Anhand von Beispielen aus den Romantexten Heers wird die inkarnatorische
Entwicklung im Verständnis der „Wandlung“ deutlich
gemacht.
Das Finale bildet eine Zusammenfassung des Untersuchungsergebnisses
in Thesen.
(Wolfgang Ferdinand Müller)
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